Als mein Flyer Upstreet mit Enviolo-Schaltung und Gates Riemenantrieb aus dem Panasonic Motor ca. 1000km auf dem Kilometerzähler hatte, fingen leichte Schleifgeräusche beim Treten an. Zuerst dachte ich natürlich, dass ich ein bisschen Dreck irgendwo eingefangen habe, ein trockenes Blatt vielleicht, oder ein kleiner Zweig. Genaues Nachschauen und mal mit dem Lappen alle Achsen kurz Abwischen hat leider das Geräusch nicht beseitigt. Und je nachdem, wie stark ich trat, wurde das Schleifgeräusch mal mehr, mal weniger. Meine Befürchtung, dass jetzt der Motor kaputt ist, konnte ich schnell ad acta legen, denn das Schleifgeräusch war völlig unabhängig davon, ob der Motor ein- oder ausgeschaltet war und unabhängig davon, mit welcher Unterstützungsstufe ich fuhr. Und es wurde immer schlimmer je weiter ich fuhr. Interessant war, dass am nächsten Tag das Geräusch verschwunden war. Kam ich von einer längeren Tour mit schleifendem Tretlager (so hörte es sich zumindest an) zu Hause an, war am nächsten Tag alles ruhig. Doch nach einigen km ging es wieder los. An manchen Tagen mehr, an manchen auch fast gar nicht. Ich ging zum Händler meines Vertrauens, der mit erklärte, dass das an der Riemenscheibe liegt und der Riemen eh viel zu locker ist. Meine Erklärung, dass es ja ein gutes Tool gibt, um die Riemenspannung zu messen und sie völlig im grünen Bereich ist, wischte er vom Tisch mit „da hab ich so meine Erfahrung“. Also zahlte ich teures Geld für Ausbau, Reinigung und Wiedereinbau der Riemenscheibe sowie einer neuen Einstellung der Riemenspannung und war das Problem los…für etwa 100km. Das Vertrauen in meinen Händler schwand, als er meinte, dann müsse ich wohl eine neue Riemenscheibe haben, das ginge aber nicht auf Garantie von Flyer, denn dazu hätte ich schon viel früher kommen müssen und jetzt hab ich sie kaputt gemacht. Konsequenz: Händlerwechsel. Zumindest war man hier so ehrlich zu sagen, dass – wenn die Riemenscheibe genau in der Laufflucht liegt und die Riemenspannung in Ordnung ist – man wirklich keine Ahnung habe, was der Grund ist. Meine letzte Rettung waren Internetforen, und da wurde ich fündig. Ich fand einige Ratschläge im pedelecforum.de. Die Ursache wurde zwar nicht erklärt, aber man schwor darauf, dass das Auftragen von Siliconspray auf die Innenseite des Riemens das Problem löst. Alle Händler der Gegend abgeklappert: „Siliconspray? Nein, das haben wir nicht, nur Siliconpaste“. Die wollte ich nicht, weil Paste nur den Dreck einfängt und das mag der Riemen ja gar nicht. Und auch wenn man so eine „Band-Aid Lösung“ hatte, meine wissenschaftliche Neugier als Physiker war geweckt. Ich wollte nicht nur eine Lösung, ich will die Ursache des Problems verstehen.
Ohne, dass ich jetzt glaube das Ei des Kolumbus gefunden zu haben, erscheint mir doch folgende Hypothese wert, überprüft zu werden, dabei handelt es sich um meine ganz persönliche Erfahrung und Meinung, keine verbindliche Beratung:
Der Riemen ist ziemlich unflexibel, was seine Ausdehnungseigenschaften angeht. Während die Kette bei jedem Kettenglied ein paar hundertstel Millimeter Spiel hat, was durch Alterung nur noch grösser wird, ist der Riemen wesentlich unflexibler. Höchstens durch Wärme kann er sich etwas ausdehnen, aber eben viel, viel weniger, als das bei Ketten normal ist. So, was heisst das? Der Riemen hat auf seiner Innenseite eine Berg- und Tal Form.

Ein „Berg“ muss immer genau zwischen zwei Zähne der Riemenschiebe passen. Bei einem Kettenantrieb hört man das nicht – die Kette ist üblicherweise gut geölt und hat immer ein ganz ganz kleines bisschen Spiel. Das gibts beim Riemen nicht, da muss es genau passen. Und mit „genau“ meine ich 100%ig exakt. Das heisst, da die Riemenlänge recht unflexibel ist, müssen Tretlager und Hinterradnabe einen Abstand von einander haben, der exakt dem Vielfachen einer Berg- und Tal Formation der Riemenscheibe entspricht. Sonst passt es eben nicht genau, und der „Berg“ des Riemens „rutscht“ etwas zwischen die Zähne der Riemenscheibe oder der Hinterradnabenscheibe. Dieses Rutschen ist an sich nichts Schlimmes, macht aber Geräusche. Warum erst nach 10…20…oder 50 km? Weil der Riemen anfangs genau passt, aber nach vielen, vielen Umdrehungen doch durch die Reibungswärme etwas länger wird. Und im Gegensatz zur Kette reichen hier vielleicht ein paar Hundertstel Millimeter, um die beschriebenen Schleifgeräusche zu verursachen. Kann man was dagegen tun? Siliconspray? Ja, das hilft tatsächlich! Und wenn man (noch) kein Siliconspray hat?. Ich hatte mir angewöhnt, einfach ein bisschen Wasser auf den Riemen zu giessen. Ein paar Tropfen gut verteilt reichen, das macht die Trinkflasche nicht leer! Das könnte den Riemen etwas flexibler machen, oder durch kaltes Wasser wieder den Zehntel oder Hundertstel mm zusammenziehen, whatever. Jedenfalls habe ich dann wieder einige -zig km Ruhe. Doch dann fängt es wieder an….keine dauerhafte Lösung mit dem Wasser, aber es hilft für mittlere Strecken (20…50km) allemal. irgendwann bin ich dann fündig geworden mit dem Siliconspray. Von Liqui Moly gibts ein Spray, mit dem ich einmal den Riemen gut eingesprayt habe (von innen, ist klar, ne?) und habe seitdem (mittlerweile gut 4000 km) Ruhe.
Bleibt noch eine Frage: Warum hört man die Schleifgeräusche nicht bei allen Riemen? Da gibt es wohl an die Hunderttausende von Riemen, bei denen diese Schleifgeräusche nie auftreten. Warum nicht? Erste Vermutung: es handelt sich um „Montagschargen“ bei Gates (die übrigens von der ganzen Problematik nichts wissen wollen) bei denen das Phänomen auftritt und die Elastizität am Rand des Toleranzbereiches in der Warenendprüfung liegt. Oder um eine Kombination aus Riemenscheibenmaterial und Riemen und Riemenschutzblech, die den Schall verstärken oder ins Unhörbare abdämpfen, oder – und das halte ich für ziemlich häufig vorkommend – viele Leute fahren gar nicht so weit, dass das Schleifgeräusch auftritt. Bei mir brauchts sicher mindestens so an die 20-30km, eher mehr, was nicht wirklich so alltäglich für den Durchschnitts-Fahrradfahrer ist, der mal eben ein paar Kilometer zur Arbeit oder zum Einkaufen fährt. Die Tatsache, dass ohne Zutun das Geräusch am nächsten Morgen oder nach einer langen Pause nicht mehr auftritt, spricht für meine Hypothese – eine lange Pause macht den Riemen wieder „passend“ weil er abkühlt und/oder sich entspannt. Ebenso, dass bei Regen oder sehr hoher Luftfeuchtigkeit es erheblich länger dauert, bis das Schleifgeräusch hörbar wird, halte ich für ein Indiz dafür, dass meine Hypothese nicht völliger Unsinn ist.
Meine ganz persönliche Sicht ist, dass – solange die „Phasenverschiebung“ zwischen den Zähnen der Riemenscheibe und der Berg- und Tal- Formation des Riemens nicht zu gross wird – Siliconspray (so man welches hat) oder einfach Wasser helfen können. Und natürlich immer auf korrekte Riemenspannung achten, sowie sicherstellen, dass Riemenscheibe an Tretlager und Hinterradnabe perfekt auf einer Fluchtlinie liegen.
Was ist eure Meinung dazu? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Könnt ihr meine Vermutungen bestätigen oder widerlegen? Schreibt mir an mailbox(at)birotarius.com. Ich werde mir vorbehalten, einige Beiträge hier zu veröffentlichen, so dass alle was davon haben.
Auszug aus einer Mail von Peter H.: „Vielen Dank für den Beitrag. Ich habe wirklich gedacht, der Motor ist kaputt und war schon ziemlich verzweifelt. Zuerst hab ich es mit Wasser versucht, wie du beschrieben hast. Das hilft wirklich. Und jetzt habe ich auch das Siliconspray bekommen. Auch mein Händler ist dankbar für den Tip gewesen, denn er hatte noch weitere Kunden mit diesem Problem.„
In einer weiteren Mail gibt es auch eine abweichende Meinung:
Auszug einer Mail von Martin: „Ich habe momentan noch etwas Skrupel, Silikon-Gleitspray auf den Riemen zu bringen, aber schon folgendes festgestellt: Das Problem skaliert mit der Temperatur. Ich habe es momentan wegen der Kälte. Das Geräusch klingt wie so ein alter Dynamo, der am Reifen anliegt. Es ist ein Surren, dass stärker wird, je mehr ich in die Pedale trete.“ … „Deine Erklärung kann ich insofern nicht nachvollziehen, als dass der von dir beschiebene Effekt der nicht stimmenden Zahnabstände zwischen hinten und vorne sich selbst kompensiert, indem eines der beiden Lager ein kleines Stück gedreht wird.“
Auszug einer Mail von l******k, C***s:
Auszug einer Mail von C***s: „Hej Reinhard, nun melde ich mich nochmal, um meine Erfahrungen bezüglich „Schleifgeräusche Riemen“ mitzuteilen. Mein Velo de Ville (gekauft bei e-motion), von denen habe ich dann das Spray „Silicon Shine“ erhalten, nachdem ich meinen Unmut über das Schleifgeräusch beim Werkstattleiter kundgetan habe. Jetzt wird es amüsant: der Werkstattleiter betonte extra, man dürfe auf gar keinen Fall Silicon Spray auf den Riemen auftragen. Gibt mir dann aber entsprechendes Spray mit dem Hauptbestandteil Silicon. Da fühle ich mich sowas von veräppelt. Aber egal. Nun waren wir im Urlaub in Dänemark. Der Riemen wurde zuvor ordentlich gereinigt und dann mit dem „Silicon Shine“ eingesprüht. Wir haben fast täglich längere Touren mit den Pedelecs gemacht und siehe da, kein Schleifgeräusch des Riemens mehr. Somit kann ich bestätigen: Silikon ist hilfreich und die Problematik mit dem Schleifgeräusch ist Vergangenheit.„
Bitte gerne weitere Erfahrungen teilen!